Andacht
 
 
 
 
Worauf es ankommt
30.03.2020
 
Recht wackelig sieht dieses Fahrrad aus, es hat wohl schon einige Zeit dort am Zaun gestanden. Das Rad hat bessere Zeiten gesehen. Der Rost nagt, die Steine im Fahrradkorb wiegen schwer. So kommt es keinesfalls von der Stelle. Da fehlt einiges. Die Kette, die Pedale, der Reifen, das Licht – Deko eben. Aber wäre es nicht reizvoll  hier ein wenig nachzuhelfen? Wenigstens die Steine aus dem Korb heben, das könnte man doch, und den Rost entfernen!  Wie wäre es mit einigen Frühlingsblumen, jetzt, passend zu Ostern?
 
Mich erinnert dieses Fahrrad an uns alle, die wir im Moment still liegen, im übertragenen Sinne gesprochen. Dem Aufruf zu Hause zu bleiben, folgen immer mehr Menschen, auch wenn es manchmal mit großen Anstrengungen verbunden ist. Die Steine im Korb? Vielleicht für den einen die Schwierigkeit sich ans Zuhause Arbeiten gewöhnen zu müssen, für den anderen die Gewissheit, dass man die Großeltern und Freunde lange Zeit nicht wird besuchen können. Die Angst um den Arbeitsplatz, ein weiterer Stein. Jeder von uns wird seinen ganz persönlichen Stein in diesem Korb sehen.
 
Einfach nur Abwarten, gewissermaßen an der Wand lehnen, bis der Zahn der Zeit das Seine getan hat, und das Rad zerbricht, das wollen viele Menschen nicht. Sie wollen in Bewegung sein. „Wir gehören zusammen“ hallt es abends um 19.00 Uhr von den Balkonen,  Menschen sorgen sich umeinander, kümmern sich. Anders gesagt: Der Rost wird abgeschliffen, poliert, manchmal glänzt sogar  Neues, das man vorher niemals gesehen hätte. Ausgebessert wird natürlich auch, denn das ein oder andere ist vielleicht vorher gar nicht entdeckt worden. Das Ziel – ein leuchtendes Fahrrad!
 
Blumen als Symbol der Hoffnung, anstatt der Steine, in den Korb zu pflanzen, das wäre ein Anfang…
 
Wir Menschen sind zerbrechliche, zarte Wesen, verletzlich, manchmal überheblich und vollmundig, dann wieder einfühlsam und ängstlich, gleichzeitig erwartungsvoll und mit Hoffnung lebend. Unzählige Geschichten der Bibel berichten von diesen Erfahrungen des Menschen, Erfahrungen, die mit dem Handeln Gottes in dieser Welt rechnen – auch wenn es gar nicht danach aussieht.
 
„Lebt nicht wie Unwissende, sondern wie Menschen, die wissen worauf es ankommt“ schreibt Paulus an seine Freunde im  Epheserbrief (Eph 5,12, GN). Ein Wort, das in Bewegung bringen will, weg von falschen Hoffnungen und Überlegungen, allem erstarren und Rost ansetzen. Leben, jetzt. Anders!
 
Was ist mir wichtig? Ich, die vollen Regale, wie mein Alltag funktioniert, die zehntausend  Kleinigkeiten,  über die wir uns aufregen - oder der andere, der mich braucht, dem ich mit einem Wort oder einer kleinen Geste etwas Gutes tun kann? Oder dem ich danken kann, für das Gute, das er für diese Gesellschaft leistet?
 
Was ist wichtig, für mich, für uns als Gemeinschaft? Das Rad, in welchem Zustand lehnt es an der Wand? Was sind meine Steine, und wer trägt sie?
 
Gott steht zu seinen Verheißungen, erzählt die Schrift. Er ist da, wenn wir nicht mit ihm rechnen. Er ist da, wo wir Trost brauchen.
 
Er trägt für uns die Steine mit, die  schwer bepackt im Korb des Fahrrades liegen. Steine, die uns niederdrücken können, ja. Aber Gott schenkt uns auch Hoffnung, unseren Mut, zu vertrauen, Neues zu wagen und nicht aufzugeben.
 
Passionszeit, das war und ist eine Zeit des Besinnens, eine Zeit des sich Erinnerns an Jesu Weg des Leides,  eine Zeit des Nachdenkens und Betens, vor allem aber: Eine Zeit des Neuanfangs.
 
Den Rost entfernen. Zu träumen wagen. Es liegt an uns, das wieder frei zu legen, in dieser Zeit. Und uns davon zu erzählen.  Haben wir damit nicht schon längst begonnen? 19.00 Uhr, jeden Abend, von den Balkonen.
 
Mich tröstet das sehr.   Pastorin Sabine Karwath, Westerstede
 
 
 
 
 
Normalität
29.03.2020
 
Im Moment ist nichts normal. In dieser Corona-Zeit ist alles anders. Wir können und dürfen nicht so leben, wie wir es gewohnt sind. Viele haben ein ungutes Gefühl, machen sich Sorgen und haben Angst. Ich arbeite in einem Steuerbüro.
 
Zum Glück sind alle gesund und ich kann noch ganz normal im Büro arbeiten. Die Heimarbeitsplätze wurden bereits eingerichtet. Wenn es notwendig wird, können wir von zu Hause aus arbeiten. Das meist genannte Wort der letzten Tage ist „Kurzarbeit“.
 
Und doch begegnen mir jeden Tag Dinge, die Corona für einen Moment verschwinden lassen. Da sind die Vögel, die jeden Morgen beim aufstehen schon so freundlich zwitschern. Wunderschöne Sonnenaufgänge wecken den Tag. Die Sonne scheint so wunderbar. Unterwegs zur Arbeit sehe ich die Frau, die jeden Morgen ihre Walking-Runde dreht und den Herrn der sein Vogelhaus mit Futter bestückt. Die Rehe lassen sich auch in diesen Tagen nicht stören und sind an ihrem gewohnten Platz.
 
Viele Whatsapp Nachrichten erreichten mich in den letzten Tagen. Grüße, gute Wünsche, schöne Texte zum Frühling, Lieder, Bilder oder Texte zu Möglichkeiten, die passieren könnten, wenn wir nun zu Hause bleiben, die Natur in Ruhe lassen, das Klima bewahren, und uns nur, mit uns selber beschäftigen.
 
Und dann ist da noch eine Sache, die ich bekommen habe, und das ist die Aussage von Beppo Straßenkehrer aus dem Buch Momo von Michael Ende:
 
„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig.“
 
Beppo Straßenkehrers Aussage passt, finde ich gut in unsere Corona-Zeit. Der Weg vor uns scheint lang, die Perspektive ernüchternd, ein Ende unbestimmt. Wir dürfen sicher sein, dass Gott mit uns auf der Corona-Straße unterwegs ist. Schritt für Schritt steht er uns zur Seite und begleitet uns. Wir dürfen ihm all unsere Sorgen anvertrauen. Er passt auf, dass wir sicher am Ende der Straße ankommen.
 
In der Bergpredigt sagt Jesus: Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen (Mt. 6,34). Gott geht den Weg mit uns auf der Straße bis zur Normalität. Ich habe keine Zweifel, dass sowohl der Weg als auch das Ziel unter Gottes Segen stehen.
 
Und wer weiß, vielleicht können wir aus dieser Zeit der Pause, der Stille, des Innehaltens auch etwas Positives für uns mitnehmen, jeder für sich das, was er braucht.
 
Ich hoffe sehr, dass wir alle, unsere Familien, Freunde und Menschen, die uns wichtig sind, gesund bleiben. Möge Gott uns Kraft, Zuversicht und Hilfe schenken, in dieser ungewöhnlichen Zeit.
 
Und so lege ich nun meine Hand in eure Hand. Gott segne euch. Bis bald, in der Normalität!
 
Ihre Kerstin Grusemann-Wahl, Prädikantin in der Kirchengemeinde Apen
 
 
 
 
Vielfältiges Aufblühen
28. 03. 2020
 
 
In diesem Jahr gibt der violette Krokus der Passionszeit Farbe. Zu Ostern laden nicht die Kirchenglocken zum Gottesdienst ein, sondern die goldgelben Narzissen. Sie sind die diesjährigen Oster-Glocken. Das Gedenkemein ruft uns ins Gedächtnis, dass Jesus Christus unter uns Gemeinschaft gestiftet hat an seinem Tisch. Doch werden wir nicht aus einem Abendmahlkelch trinken am Gründonnerstag, am Karfreitag und am Ostermorgen. Wir teilen aber miteinander den Anblick der anmutigen Blütenkelche bunter Tulpen – der Märzenbecher ist ja schon verblüht...Und in der Osternacht wird die Sternhyazinthe aufleuchten anstelle der Osterkerze.  Der Kirchenchor muss zu Hause bleiben. Wenn wir frühmorgens das Fenster öffnen, erklingt dafür wieder ein Freiluftkonzert von Amsel, Drossel, Fink und Star...
 
Die Schöpfung atmet auf, nicht nur in unseren Gärten. Die Natur kann sich in diesem Frühling ein bisschen von uns Menschen erholen. Das ist ein kleiner Trost, und ich denke nicht, dass das zynisch ist angesichts des Leids, den der Corona-Virus bislang schon gebracht hat. So lange schon treten wir die Natur mit Füßen.  Wenigstens sie darf für uns jetzt zu einem Lichtblick werden in dunkler Zeit.
 
So ist das Frühlingserwachen der Natur wie kaum je zuvor für uns ein Gleichnis für Ostern, für das große Fest der Verwandlung, für die Auferstehung aus dem Tod ins Leben. Ich bin froh darüber!
 
Lätare, so hieß der letzte Sonntag, der 4. Sonntag der Passionszeit, übersetzt „Freut euch!“ nach Jesaja 66,10. Dieser Sonntag wird auch „kleine Ostern“ genannt, es ist das Bergfest in der Leidenszeit: die Hälfte ist schon geschafft. – Wie glücklich dürften wir uns schätzen, wenn schon die Hälfte der Corona-Krise hinter uns läge!
 
Am heutigen Samstag geht diese Woche des „Lätare“ zu Ende. Morgen wird wieder ein Wochenauftakt, ein Sonntag – eine Auferstehungstag -  begangen. Auf ganz unterschiedliche Weise mit Texten, mit Musik, mit Videos von Gottesdiensten, die in den Medien zu lesen, zu hören und zu sehen sein werden. Auch das ist gut.
 
Bevor es soweit ist, gebe ich uns noch einmal den Wochenspruch dieser Woche aus dem Johannes-Evangelium 12,24 zu bedenken: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
 
Der Evangelist verdichtet Tod und Leid und Trost und Hoffnung in kurzen anschaulichen Sätzen zur frohen Botschaft. Und wieder ist die Natur Patin: die Lebenshingabe Jesu am Kreuz ist keine sinnlose Tat Gottes. Sie trägt in sich den Keim für neues Leben, für vielfältiges Aufblühen von Liebe, Güte, Mitgefühl und Friedfertigkeit in dieser Welt.
 
Sie wird wieder eine Ernte einfahren. Wir, die Glaubenden, die Hoffenden, sammeln und verschenken ihre Früchte. Auch in diesem Jahr.
 
Pastorin Sandra Hollatz, Bad Zwischenahn
 
 
 
Glaube, Liebe Hoffnung bleiben!
27.03.2020
 
 
 
Liebe Menschen in unserem Kirchenkreis!
 
Auf einem Pin, einem kleinen Anstecker eines Fanclubs des Hamburger Sport Vereins, finden sich neben den Symbolen Anker und Herz auch die drei Worte Glaube, Liebe und Hoffnung.
 
Sie stammen aus dem 1. Korintherbrief im Neuen Testament, in dem der Apostel Paulus schreibt:
 
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
 
aber die Liebe ist die größte unter ihnen
 
( 1. Korinther 13, 13 ).
 
Was für mich erstaunlicherweise sogar Fußballfans ausdrücken, gilt in dieser für uns alle so schweren und bedrückenden Zeit ganz besonders:
 
Als Christen*innen richten wir unseren Glauben und unser Vertrauen auf Gott und seinen Sohn Jesus Christus.
 
Wir richten unsere Hoffnung auf die Nähe und Begleitung durch unseren Herrn.
 
Wir antworten darauf mit unserer Liebe zu Gott und zu den Nächsten. Diese können die Verwandten in einer Familie, gute Freunde*innen oder auch Menschen aus unseren Kirchengemeinden sein.
 
Ihnen schenken wir unsere Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit.
 
Aus dem gemeinsamen Glauben, der grundlegenden Hoffnung und der absoluten Liebe dürfen wir gerade in dieser im Moment so besonders stark empfundenen Passions-, das bedeutet Leidenszeit, Kraft und Mut für unser eigenes und unser gemeinsames Leben ziehen.
 
Die Passionszeit erinnert uns immer wieder sehr deutlich an den Weg des Gottessohnes Jesus Christus.
 
Er ist diesen Weg radikal gegangen, der ihn über Verurteilung und Verspottung bis hin zum Kreuz geführt hat.
 
Er hat das Kreuz anschließend durch seine Auferstehung am Ostermorgen durchbrochen und für immer hinter sich gelassen.
 
Darum steckt für mich und meinen Glauben auch in einer solch krisenhaften Zeit, die uns alle aktuell bewegt und umtreibt, dennoch das Licht des neuen Lebens, das Jesus Christus uns nach der Passion und nach dem Kreuz durch seine Auferstehung eröffnet.
 
Jede und jeder von uns kann so wie die Fußballfans aus Hamburg darauf vertrauen, dass Gottes Gnade und Beistand sie oder ihn niemals verlassen.
 
Er schenkt uns besonders in solch bewegenden Tagen und Wochen, die wir auf der ganzen Welt aktuell erleben, Glaube, Hoffnung und Liebe.
 
Im Gebet dürfen wir Gott jederzeit all das sagen, was uns gerade umtreibt, was uns beschwert und bedrückt.
 
In der Fürbitte bringen wir andere, uns wichtige Menschen immer wieder direkt vor Gott. 
 
Dass Ihnen und Euch dieses grundlegende Vertrauen auf Gott Ermutigung und Gelassenheit schenken möge, wünscht von ganzem Herzen
 
 
Pfarrer Gundolf Krauel
 
Rastede-Wahnbek
 
 
 
 
 
 
 
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